FREIES WORT - SUHL - 24.März 2018

 

Horst

 

Ergreifende Momente im Leben. Jeder hat sie in seinem Leben. Sei es bei der Geburt eines neuen Lebens. Sei es beim Sieg des Fußballvereins. Sei es beim Abschied eines Menschen. Sie berühren das Innere und gehen uns nahe. Und sie bleiben uns zeitlebens in Erinnerung. Oftmals prägen sie unser Denken und Handeln. 

 

Als Klinikseelsorger erlebe ich Menschen in ergreifenden Situationen: Sie haben eine Diagnose erfahren, die ihr Leben auf den Kopf stellt. Sie erleben, wie tot geglaubte Beziehungen auf einmal ganz lebendig und tragend werden.

 

Das Besondere an ergreifenden Momenten ist ihre Unverfügbarkeit. Auf einmal ist da diese Emotion da, die den Moment erleuchtet. Oft ist ein solcher Moment unvorhersehbar und wenn er da ist, fühlt er sich ganz einzigartig an. Er ist kein Besitz, sondern ein Erlebnis, das eine tiefe Botschaft in sich trägt.

 

Diese Tage löste Horst Seehofer eine emotionale Debatte aus. Er behauptete, dass das Christentum, nicht aber der Islam zu Deutschland gehöre. Für mich eine Diskussion mit fahlem Beigeschmack. Natürlich hat der christliche Glaube erheblichen Einfluss auf unsere Geschichte gehabt. Dennoch ist er im Kern ein Ereignis in uns. Er berührt Menschen und entfaltet gerade darin seine bahnbrechende Kraft. Er überschreitet Grenzen - auch die des Todes - und schafft neues Leben. Und: Glaube ist ein Erlebnis, das prägt - aber niemals Besitz. Er ist universal, nicht territorial zu verstehen. Vor allem aber ist er nicht national! 

 

Der christliche Glaube ist persönliche Erfahrung oder Überzeugung. Oder wie Paulus es formuliert hat: „Ich bin von Christus Jesus ergriffen.“ Paulus hütet sich aber nun vor einem: Zu behaupten, dass er die Weisheit mit Löffeln gefressen hätte. „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach“. (Phil 3,12-13)

 

Eine rückwärts gewandte Parole wie „das Christentum gehört zu Deutschland - der Islam aber nicht“ ist überhaupt nicht weiterführend. Es gilt nach Vorne zu schauen und ins Gespräch zu gehen. Denn wir leben in einer gewandelten gesellschaftlichen Realität.

 

Hilfreich ist der Blick auf das, was uns Menschen verbindet. Wir alle haben ergreifende und prägende Erlebnisse in unserem Leben gehabt. Da geschehen Dinge, die kein Computer, kein Mensch, kein Forscher erklären und weg reden kann. Dafür gibt es keine App, keine Versicherung, keinen Algorithmus. Es nennt sich Leben. 

 

Darüber ins Gespräch zu kommen, wieder eine Sprache für das Unsichtbare zu finden bringt unsere gesamte Gesellschaft voran und verleiht ihr Wärme. Nicht nur auf Zahlen und Fakten zu schauen, sondern auch den anderen Teil unserer Lebenswirklichkeit zu berücksichtigen. Beidem Raum zu geben: Materialismus und Idealismus.

 

 

Dazu haben die Religionen etwas zu sagen. Aber auch die Philosophie. Ebenso Kunst und Literatur. Diese Stimmen will momentan kaum jemand hören. Sie hätten viel zu sagen. Sie würden die Leere füllen, und der Verrohung des Miteinanders entgegen wirken. Das gelingt, wenn wir wie Paulus einerseits wissen, was uns prägt - andererseits uns bewusst sind, dass niemand die Wahrheit für sich allein gepachtet hat. Auch kein Horst.